Tuesday, April 8, 2008, 06:27 AM
Langsam lies Petrus sich in den Sand sinken. Das tat gut. Einfach mal sitzen. An nichts denken. Den warmen Sand zwischen den Zehen spüren, den leichten Wogen des Sees lauschen und sonst... Ruhe. Ruhe war das wovon sie in den letzten Tagen am wenigsten hatten. Petrus war kaputt. Seine Beine taten weh. Auch er hatte eine Belastungsgrenze, und die war erreicht. Es war ein anstrengender Tag der hinter ihm lag. Jesus zog einfach massenhaft Menschen an. Aus allen Städten waren sie wieder herbeiströmt um ihn zu hören. Und er Petrus mittendrin. Angezogen und überwältigt von der Vollmacht mit der Jesus sprach und handelte.
Während er die Wolken beobachtete, die sich langsam am westlichen Himmel formierten, dachte er über Jesus nach. „Wer war er dieser Mann?“ Staunend hatte Petrus erlebt wie er Kranke heilte. Blinde konnten nach einer Begegnung mit Jesus wieder sehen. Lahme konnten gehen, Stumme konnten sprechen. In einiger Entfernung sah er ihn in diesem Moment liebevoll die Menschen verabschieden, während die anderen Jünger in ein Boot stiegen. „Wer ist dieser Mann?“ Immer wenn Petrus dieser Gedanke beschäftigte wurde er unruhig. Er kannte Jesus gut. Er war ein Mensch wie du und ich. Sie aßen, sprachen, lachten und weinten miteinander. Er hatte Jesus lieb gewonnenen wie einen Bruder. In der Nähe von Jesus zu sein das war das größte für ihn. Doch da war mehr. Jesus war nicht irgendein Mensch, er war auch kein Lehrer wie die vielen anderen. Von Jesus ging etwas Besonderes aus. Etwas Heiliges, etwas Göttliches.
„Petrus“ Der Ruf seines Namens riss ihn jäh aus den Gedanken. „Petrus! Träumst du? Wir müssen los!“ Langsam stand Petrus auf. Er schüttelte die Gedanken ab und klopfte sich den Sand aus der Kleidung. „Ich komme schon“ brummte er.
Petrus sah zum Himmel. Es war ein routinierter Blick. Für einen Fischer wie ihn konnte er überlebenswichtig sein. Der Himmel war trüb. Trüb und rot. Die Wolken hatten sich verdichtet. „Es gibt Sturm“ dachte Petrus und ging.
Petrus fiel hart. Mit einem dumpfen Aufschlag prallte sein Kopf gegen die feuchten Planken. Den anderen ging es nicht besser. Das Unwetter hatte sie in der Mitte des Sees erwischt und eine Windböe hatte Petrus von den Beinen gerissen. Petrus stemmt sich auf. Seine Glieder brannten. Mühsam zog er sich an der Reling hoch. Mit voller Härte schlug ihm der Wind erneut ins Gesicht und trieb ihm die Tränen in die Augen. Er konnte seine eigene Hand nicht vor Augen sehen. Petrus hörte die Schreie seiner Freunde. Neben sich hörte er Thomas verzweifelt fragen: „Wo ist Jesus? Musste er uns alleine in dieser Nacht über den See schicken? Jetzt wo wir ihn gebrauchen könnten sitzt er gemütlich auf einem Berg und betet...“ Der Wind verschlang den Rest seiner Worte und Petrus kämpfte weiter. Ums nackte Überleben. Kaum schien das Boot sich von einer Woge erholt zu haben krachte die nächste direkt über sie und füllte das Boot erneut mit Wasser. Sie alle waren nass. In diesem Moment kämpfte jeder seinen eigenen Kampf. Petrus schossen Tränen der Wut und der Verzweiflung in die Augen. Er konnte Thomas verstehen. Jetzt begann auch er an Jesus zu zweifeln.
Mittlerweile war kein Unterschied mehr ob er über oder unter Wasser war. Wasser und Wind vereinten sich zu einer tödlichen Mischung. Die ganze Welt um ihn herum war ein Nass. Er kannte die Geschichten seit seiner Kindheit. Im Wasser herrschen die Dämonen. Die bösen Geister treiben hier ihr Unwesen. Sie wollen dich packen! Der Wind, das Wasser, die bösen Geister schnürten seine Kehle ab, fochten ihn an. Petrus wusste nicht mehr ein noch aus. Diese Situation war eine Sackgasse. Eine Einbahnstraße der Verzweiflung. Endstation Tod. Es war nicht nur sein Sturz auf die Planken, auch die Verzweiflung an der Situation, die Zweifel an Jesus, peitschten ihm grelle Kopfschmerzen durch den Schädel. Wie eine Woge brach die Hilflosigkeit über ihn ein. Er klammerte sich vor Kälte zitternd an einem Ruderbalken fest und lies sich an der Innenseite der Reling auf den Boden des Bootes sinken. Sein Kopf war leer. „Jesus wo bist Du?“
Unbeeindruckt von den vor Kälte und Angst zitternden Gestalten an Bord des kleinen Bootes toste der Sturm mit brachialer Gewalt weiter.
Es musste gegen 5 Uhr am Morgen gewesen sein. Ein Ende schien nicht in Sicht. Petrus wusste nicht mehr ob nur Minuten oder Stunden vergangen waren. Aber er bekam die Aufregung mit die an Bord herrschte. Mit aufgerissenem Mund starrte Petrus hinaus auf die See wo sich ihm ein unglaubliches Bild bot. Brutal fielen die Wellen übereinander her und doch glitt eine Gestalt auf sie zu. Ungeachtet der tosenden See bewegte sie sich ruhig auf dem Wasser. „Ein Geist!“ schoss es ihm durch den Kopf und Thomas schrie aus was er dachte: „Ein böser Geist!“ Im selben Moment begannen auch die anderen Jünger panisch zu schreien. Immer näher kam die Geistererscheinung, auf dem Wasser gehend, an sie heran. An Flucht war nicht zu denken, sie waren schon lange nicht mehr die Herren der Lage. Nein, der Sturm hatte sie in seinen Klauen. Die Lautstärke des Sturmes, die eben noch in seinen Ohren heulte, schien für kurze Zeit zu verstummen, als die Gestalt ihre Stimme erhob: „Erschreckt nicht, ich bin´s, ihr braucht euch nicht zu fürchten.“
Petrus verstand sofort. „Es ist Jesus!“ Der Sturm tobte weiter, doch das interessierte Petrus nun nicht mehr. „Es ist wirklich Jesus“ hörte er sich selbst sagen.
Innerhalb weniger Augenblicke fügten sich alle seine Gedanken wie Puzzleteile zusammen. Seine Grübeleien über die Identität Jesu am Ufer schienen endlich eine Antwort zu bekommen. Hatte Jesus nicht eben gesagt: „Erschreckt nicht, ich bin´s!“? „Er hatte! Es ist Jesus, mein Freund und Bruder, der Mensch den ich schon so lange kenne, und der mich kennt wie kein anderer. Jesus der hier bei mir im Sturm steht, der den Sturm genauso erlebt wie ich.“ Aber da war noch mehr. Jesus hatte weiter gesagt: „Ich bin´s, fürchtet euch nicht!“ „Das war nicht die Aussage eines Menschen! So konnte nur ein Gott sprechen. So stellte sich doch nur JHWH seinem Volk vor!“ Petrus wusste nun: „Jesus ist ein Mensch wie ich, doch Jesus ist auch Gott. Jesus ist ein Gott aus Fleisch und Blut.“
Noch während Petrus diese Erkenntnis überfallen hatte war Jesus immer näher gekommen. Jetzt stand er auf dem aufgewühlten Wasser. Er war nur noch einige Schritte von dem, auf den Wellen tanzenden, Boot entfernt. Petrus hatte lange genug überlegt. Er hatte erlebt, dass Jesus Wunder tut. Er hatte erlebt, dass Jesus auch ihn bevollmächtigt. „Ich will’s wagen“ dachte er. „Jesus ich will’s mit dir wagen!“ Und so schoss es aus Petrus heraus: „Herr, wenn du es bist, so befiehl mir, dass ich auf dem Wasser zu dir komme.“
Den Blick fest auf Jesus gerichtet hob Petrus seinen Fuß, zielstrebig schwang er sein Bein über die Reling, bis er auf dieser saß. Jetzt stand er auf, lies die Planken los. Petrus ging einen ersten Schritt auf Jesus zu. Ob sich die Anderen im Boot den Kopf darüber zerbrachen wie das wohl möglich sein konnte und ob sie ihn für einen Spinner hielten, war Petrus egal. Für ihn war es wichtig. Petrus sah nur Jesus. Seine Zweifel an Jesus waren weg. „Egal wie heftig der Sturm um mich tobt, ich weiß jetzt, Jesus ist da. Er ist hier. Er fühlt den Sturm so real wie ich.“ Petrus stand mitten in einem ungeheuerlichen Sturm und trotzdem fühlte er sich in diesem Augenblick so sicher und geborgen wie noch nie. „Dass ein Sturm um mich tobt heißt nicht, dass es Gott nicht gibt. Nein, eben im Sturm erlebe ich Gott. Auf Jesus kann ich mich 100% verlassen.“
Eine heftige Böe zerzauste sein Haar und die schäumende Gischt traf sein Gesicht. Die Woge nahm ihm den Atmen. Er sah den Wind ein riesige Welle auf sich zu peitschen. Sein Blick wandte sich zurück zu den anderen Jüngern im Boot. Diese klammerten sich verzweifelt an die Reling, über ihnen das zerfetzte Segel. Tosend rollte die Welle heran. Panik überfiel ihn. In tiefer Schwärze brodelte das Meer um ihn herum und unter ihm. Höhnisch umtanzten ihn kleine Schaumkronen. Eisig schnitt der Wind ihm ins Gesicht. „Ich kann das nicht“ schrie er. Er mobilisierte alle noch zur Verfügung stehenden Kräfte. Mit Gewalt stemmte er seine Brust in den Wind und rammte seine Füße in den See. Nicht um weiterzukommen, sondern um zu überleben. Furcht überkam ihn. „Nur nicht ertrinken!“ Doch seine Kraft fand keinen Widerstand. Sein Fuß, mit aller verbliebenen Kraft ins Wasser gestemmt glitt ins Leere. Auch sein anderer Fuß fand keinen Halt mehr und in diesem Moment brach die Welle über ihm zusammen. Jetzt tobte der Sturm nicht mehr nur um ihn herum. Auch in seinem Kopf rotierten die Gedanken. „Schwimm! Beweg deine Arme!“ brüllte ihm sein Gehirn zu! „Setze deine letzte Kraft ein! Sammle sie!“ In diesem Moment geriet Jesus in sein Blickfeld. Jesus stand immer noch auf dem Wasser. Er war immer noch da. Er war nie weg gewesen. Petrus schrie mit letzter Kraft: „Herr, rette mich!“
Sofort streckte Jesus seine Hand aus, ergriff ihn und sagte zu ihm: „Du Kleingläubiger, warum hast du gezweifelt?“
Gemeinsam mit Jesus ging Petrus durch das Wellenmeer zurück. Im selben Augenblick, in dem sie das Boot betraten, legt sich urplötzlich der Sturm. Die Wogen glätteten sich. Von einer Sekunde auf die andere herrschte Stille. In völliger Ruhe lag der dunkle See unter ihnen. Leise und kaum hörbar plätschern die Wellen gegen den Rumpf des Bootes, das ruhig auf der glatten See lag. Es war als würde eine schwere Last von ihnen allen abfallen und langsam zeichnete sich Erleichterung auf den Gesichtern der Jünger ab. Thomas richtete sich auf. Ganz langsam entkrampften sich die verspannten Körper. Die Ruhe nach dem Sturm breitete sich nun auch in ihnen aus. Stille... einfach Stille. Das tat gut! Der Tod vor Augen wich der Gestalt Jesu, die im Licht des anbrechenden Morgens bei ihnen stand. Es herrschte völlige Stille auf dem See als die Jünger um Jesus bekannten: „Du bist tatsächlich Gottes Sohn!“
Langsam hebt sich die Sonne über den Horizont, der Tag bricht an.
(Entstanden in der Predigtvorbereitung zu Mt. 14, 22-32 und in Folge dessen Teil dieser geworden)






