Die Frage nach dem Gegenstand 
Friday, May 18, 2007, 02:34 PM
Ein theologisches Essay auf der Grundlage von „Die Frage nach dem Gegenstand“, in Joest, W., Dogmatik, Bd. 1, Die Wirklichkeit Gottes, S. 14 – 33.



Wer oder Was ist der Gegenstand der Dogmatik?
Wenn christliche Dogmatik von ihrem Glauben redet, dann tut sie dies nicht, um ihren Glauben religionsgeschichtlich zu beschreiben, sondern sie versucht sich selbst über den Inhalt ihres Glaubens Rechenschaft abzulegen, um diesen vertreten und verantworten zu können.
Es ist die Aufgabe der christlichen Dogmatik die Wahrheit herauszufinden auf die sich der Glaube gründet. Dies tut sie nicht ohne Grund, denn sie reflexiert die Inhalte der Verkündigung und dient damit der Gemeinschaft der Glaubenden, welcher die Verkündigung aufgetragen ist. Erst dadurch erhält sie ihre Aufgabe und ihren Sinn.
Sie definiert dass, was Christen als Wahrheit ihres Glaubens vertreten, verkündigen und worauf sie sich verlassen.

Der christliche Glaube verlässt sich auf Gott. Dieser Gott hat bereits im Alten Testament seine Geschichte mit dem Volk Israel begonnen. In Levitikus 12,26 macht er ihnen die Zusage dass er mit ihnen in Gemeinschaft leben möchte.
Diese Gemeinschaft hat er allen Menschen bekundet und angeboten, in dem er sich in seinem Sohn Jesus Christus offenbarte und damit allen Menschen eine Beziehung zu ihm anbot.
Darum ist der Gegenstand mit dem die Dogmatik sich beschäftigt Gott selbst, wie er sich in Jesus Christus hingegeben hat, und alles das was diese Tat für das Leben eines Gläubigen nach sich zieht.

Von Christus aus spricht die Dogmatik. Hier muss alles was sie sagt ihren Ursprung haben.
Nicht nur ihre theologische Rede betreffend, sondern auch geschichtlich gesehen, die Beziehung zwischen Gott und den Menschen betreffend.
Denn vom Tod Jesus am Kreuz, und seiner Auferweckung an, wird die Beziehung zwischen Gott und den Menschen für alle Zeit gegründet.


Erkenntnis der Wirklichkeit Gottes nur durch Christus?
Ist der Gegenstand der Dogmatik alleine Gottes Selbstbekundung in Jesus Christus, oder gibt es weitere allgemeine Offenbarungen Gottes, mit denen sich die Dogmatik auseinander zu setzen hat?
Verschiedene Modelle wurden im Lauf der Geschichte durchgespielt. Im Verhältnis von Selbstoffenbarung und allgemeiner Gotteserkenntnis kristallisierten sich verschiedene Positionen heraus.
Bereits im Mittelalter sprach man davon, dass der Mensch aufgrund der Schöpfung, auf die Existenz eines Gottes schließen könne. Weiterhin würde er durch sein Gewissen auf seine Verantwortung diesem Gott gegenüber hingewiesen werden. Dies ziehe eine geringfügige Kenntnis des Wesen Gottes nach sich.
Der entscheidende Punkt jedoch, Gottes Offenbarung durch Jesus Christus, bleibe dem allgemeinen Wissen verschlossen. Jedoch entstehe durch das Erkennen Gottes in der Schöpfung, und durch das Erkennen Gottes durch das Gewissen, ein Anknüpfungspunkt für die Heilsoffenbarung. So das sie dem Sünder nicht völlig fremd erscheine, ohne jegliche Verknüpfung zu seinem bisherigen Bewusstsein.
In der evangelischen Theologie des 19. und 20. Jh. setze Althaus „Uroffenbarung“ und „Heilsoffenbarung“ in Beziehung und unterschied sie zugleich.
Auch Brunner sprach davon, dass die Heilsoffenbarung in Christus auf die allgemeine Offenbarung zu beziehen sei.
Dahinter verbirgt sich das Interesse, die christliche Verkündigung an allgemeine Erkenntnisse anzuknüpfen, welche dem Menschen bereits durch Schöpfung, Gewissen oder geschichtliche Ereignisse bekannt sind.
Damit grenzt Brunner sich klar von der Position Barths ab, welcher eine Offenbarung Gottes alleine in der Person Jesus Christus sehen kann. Der Mensch könne Gott von sich aus nicht erkennen, da dies dem Wesen Gottes, und dem Verhältnis Gott-Mensch, grundlegend widerspräche. Wenn ein Mensch Gott erkenne, so sei dies immer eine Folge dessen, das Gott sich ihm offenbare und dies sei allein durch Jesus Christus geschehen.
Zunächst ist an dieser Stelle zu klären, in wie weit man heute noch davon sprechen kann, das es eine allgemeine Überzeugung von der Wirklichkeit Gottes gibt. Heute ist das Denken und Handeln der Menschen nicht mehr von einer allgegenwärtigen christlichen Kultur bestimmt, wie dies „damals“ der Fall war.
Trotzdem gibt es ein Wissen um die Wirklichkeit eines Gottes, welches sich jedoch mehr auf emotionale, denn auf rationale Wahrnehmungen gründet. Diese Erfahrungswerte aus der Natur, aus der Geschichte, sowie aus dem Wissen über das Gewissen sind jedoch höchst zweideutig und ähnlich wie im Mittelalter weit entfernt von jeder objektiven Wahrnehmung. Es stellt sich die Frage, in wie weit der Mensch heute wie damals überhaupt in der Lage ist und war, objektiv einen Gott zu erkennen. Verfälschte im Mittelalter die starke christliche Prägung seinen Blick, so kann er sich heute sicher nicht mehr auf ein Erkennen Gottes z.B. durch das Gegeben sein eines Gewissens verlassen, zu viele kulturelle und soziale Prägungen haben dieses geformt.
Da die Wahrnehmung der Wirklichkeit grundsätzlich subjektiv ist, muss der Mensch schon ein konkretes Gotteswort vernommen oder erlebt haben, um von all diesen Erfahrungen aus, auf einen Schöpfer schließen zu können, der ganz konkret in einer Beziehung mit ihm leben möchte.
Erst von der Heilsoffenbarung Gottes aus, lässt sich Gottes Wirklichkeit in dieser Welt verstehen. Erst von diesem Punkt aus schließen sich Zusammenhänge auf. Das heißt nicht, dass der Mensch zuvor in einem völlig von Gott unberührtem Raum gelebt hätte. Jedoch kommt Gott in Jesus in eine ihm entfremdete Schöpfung.
Gottes Beziehung zu den Menschen beginnt mit eben dieser Schöpfung, durch ihren Akt an sich. Sie setzt sich in der Geschichte mit seinem Volk Israel fort, und wird für alle Menschen in seinem Heilshandeln zugänglich.
Der Menschen der diese rettende Hand ergreift wird nicht nur Vergebung erfahren, sondern ihm wird sich nun auch die Wirklichkeit Gottes erschließen.
Darum hat Dogmatik ihren Ausgangspunkt, von dem aus sie über alles zu reden hat, tatsächlich in der den Glauben begründenden Tat Gottes, der sich in Jesus Christus hingegeben hat. Im Licht dieser Botschaft muss nicht mehr in zwei Offenbarungsstränge unterteilt werden, sondern beide fügen sich zusammen zu der Wirklichkeit des gütigen Schöpfers, der durch die Geschichte hindurch, Gemeinschaft mit seinem geliebten Geschöpf sucht.


Die Religionen
Als ein Indiz des allgemeinen Wissens von der Wirklichkeit Gottes, galt die Tatsache, das Formen von Religion in allen Völkern und Kulturen zu finden sind.
Von allen diesen Formen ordnete man nach Schleiermacher das Christentum als deren höchste Gestalt ein, da man dem Christentum die reifste Entfaltung des im Menschen angelegten Gottesbewusstseins zurechnete. Damit erkannte man anderen Religionen einen gewissen Wahrheitsgehalt zu.
Auch Tillich und Pannenberg entwickelten Konzeptionen über das Verhältnis vor- bzw. außerchristlicher Religion zum christlichen Glauben. Sie sehen in den Unterschieden gleichzeitig eine Weiterentwicklung. Im Gegensatz zu Schleiermacher sehen sie als Träger dieser Weiterentwicklung eine fortschreitende Geschichte des Sich-Offenbarens Gottes - nicht allein in der Glaubensgeschichte Israels, sondern auch in der gesamten Religionsgeschichte der Menschheit - die allerdings in Jesus Christus ihr Ziel hat.
Barth bekämpfte diese Zuordnung des christlichen zum religiösen. Die Religion sei immer ein Bemühen der Menschen, sich die Gestalt eines Gottes zu sichern und sich zu ihm in ein Verhältnis zu setzen. Der christliche Glaube dagegen beruhe auf dem Wort Gottes, welches der Hörende gehorsam annehme. Wenn Barth Religion mit Unglauben gleichsetzt, sollte man allerdings im Blick haben, dass er hier durchaus auch den „christlichen Religionsbetrieb“ einordnet.

Jedoch sollte ein Christ kein vorschnelles Urteil über den Angehörigen einer anderen Religion fällen. Sondern darauf hören, wie dieser unsere vielleicht festgefahrene Position hinterfragen und dadurch unseren Glauben neu anregen könnte.
Zudem sollte es Gottes Möglichkeiten zuzutrauen sein, dass er religiöse Erfahrungen im Vorfeld und im Umfeld christlichen Glaubens schenken kann, die in Jesus ihren wahren Grund haben.


Die zu Beginn dieses Abschnitts geschilderte Tatsache, dass in allen Völkern und Kulturen Formen von Religion zu finden sind, zeigt auf, dass die Geschöpfe eine Sehnsucht nach ihrem Schöpfer empfinden.
Die Wahrheit des christlichen Glaubens, das auch Gott diese Sehnsucht nach dem Menschen hat, führt uns nochmals zu dem Gegenstand und zu der Aufgabe der Dogmatik.
Gegenstand der Dogmatik ist Gott, wie er sich in Jesus Christus hingegeben hat, und alles das was diese Tat für das Leben eines Gläubigen nach sich zieht.
In diesem Licht kann versucht werden das Phänomen der Religionen zu verstehen. Mit den Augen Jesu die anderen Religionen betrachtend, kann nun die Dogmatik der Verkündigung dienend helfen, diese Wirklichkeit des in Christus offenbar gewordenen Gottes, allen Menschen zu verkünden.

Jan Hanser