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Avenida America & Parque Santa Cruz
Thu, 11 Feb 2010 19:32


Geburtstag mit Torte und Flamme<br>fotografiert von Annette
Geburtstag mit Torte und Flamme
fotografiert von Annette

Ich muss ehrlich zugeben, dass ich jetzt vor allem schreibe, damit an dieser Stelle nicht mehr mein Diarrea-Eintrag steht. Die Einwandererkrankheit habe ich gut überstanden und esse wieder fleißig alles, was die Küche bietet, außer dass ich etwas genauer darauf achte, wo ich die Essen einkaufe.
Eigentlich müsste ich nämlich noch warten mit einem Eintrag, da mir noch die genauen Worte fehlen meine aktuelle Arbeit zu beschreiben. Ich versuche es einfach mal, indem ich den gestrigen Vormittag und heutigen Nachmittag protokolliere.

Gestern Vormittag um 9 Uhr habe ich mich wie jeden Morgen mit Kollegen im Haupthaus meiner Organisation getroffen. Gemeinsam sind wir drei kleine Theaterstück durchgegangen, mit denen wir den Jugendlichen der Avenida America die Bedeutung der Menschenrechte näherbringen wollten, die wir zur Zeit einen Monat lang bei allen Straßenkindergruppen durchnehmen. Normalerweise haben wir einen Pick-Up, so dass die Straßenkinder hinten auf der Ladefläche mitfahren können, wenn wir sie von ihren Schlafplätzen und Arbeitsplätzen (Jonglage oder Scheibenwischen an Verkehrsknoten) abholen. Da wir keinen Pick-Up hatten, quetschten wir sechs Mitarbeiter uns in ein Taxi und fuhren die wichtigen Stellen ab. Beim Schlafplatz angekommen, setzte ein heftiger Regen ein, so dass wir uns zu den erwachenden Jugendlichen in den Kanal, also ihre Betten, stellen mussten. Nach kurzer Zeit begann Regenwasser durch den Kanal zu fließen und die Jugendlichen brachten ihre Sachen in Löchern im Kanal ins Trockene. Das Leben auf der Straße ist nicht gemütlich.
Für mich hatte die Situation einen anderen bitteren Beigeschmack. Meine Sprachlehrerin wohnt in der Nähe der Jugendlichen und hatte mir schon vorher von den Cleferos (Klebstoffschnüfflern) erzählt. Sie erzählte mir von den Problemen, die dadurch der Nachbarschaft entstanden sind (ein allgemeines Gefühl der Unsicherheit), und dass die Nachbarn tatsächlich den Kanal geflutet hattet, um die Straßenkinder loszuwerden. Dass dabei Leben riskiert wurden, ist selbstverständlich, und dass die Straßenkinder dort immer noch leben zeigt die Machtlosigkeit der Nachbarn. Vor allem zeigt mir die Aktion, wie kurzsichtig Menschen handeln, da durch solche Aktionen kein Mensch die Straße verlässt und nur die lokale Befindlichkeit gepflegt wird. Musste an Hamburgs Versuch denken, durch klassische Musik in den U-Bahnhöfen Obdachlose zu vertreiben. Das entspricht ungefähr dem selben Niveau an Flurbereinigung - nach dem Motto "vor meiner Tür ist es sauber."
Um uns vor dem Regen zu schützen, gingen wir zu einem überdachten kleinen Fußballplatz (cancha) in der Nähe. Da der Regen gegen das Dach donnerte und wir nicht reden konnten, spielten wir einfach einige Runden Volleyball. Danach begann die kleine, interaktive Menschenrechtsschule: Das erste Theaterstück stellte eine Abtreibung dar, das zweite eine Hinrichtung, das dritte einen Mord aus Affekt. Es folgten Gespräche über verschiedene Rechte und spannenderweise auch darüber, dass die Jugendliche sich mit ihrer Klebstoffsucht um ihr derecho de vida (Recht auf Leben) bringen.

Heute Nachmittag haben wir in einem kleinen Vergnügungspark den Geburtstag eines Ex-Straßenkindes von San Sebastian gefeiert, der 24 Jahre geworden wurde, und das ich jetzt der Einfachheit halber "Carlos" nenne. Letzte Woche hatten wir Carlos Freundin besucht, mit der er seit eineinhalb Jahren in einem klitzekleinen Zimmer in einem kriminellen Stadtteil wohnt, in das ich als "Weißer" alleine nicht darf. Da die beiden keine offiziellen Dokumente haben, kam die Rede auch auf den Geburtstag, und wir beschlossen, am 10. Februar Carlos Geburtstag zu feiern.
Als ich Carlos heute persönlich traf, erklärte er mir, dass sich seine Gelenke in den letzten Jahren vom Klebstoffkonsum erholt hatten und wieder gesund sind, erzählte von seinem kleinen, fensterlosen Zimmer, in dem ich letzte Woche gewesen war, und dass er froh ist, dass er meinen Projektleiter Oscar kennengelernt hat. Nichts beschönigte er, und sehr offen sprach er mit mir, und für mich war unglaublich, dass dieser Mann ein mal wie meine Jungs von gestern Vormittag in der Straßen gelebt hatte. Die Spuren eines anstrengenden Lebens, das viel mehr als die ausgezählten vierundzwanzig Jahre vorwies, waren geblieben.
Später sangen wir für Carlos Cumpleaños Feliz und Viel Glück und viel Segen, schnitten eine Torte an und jeder in der Runde der Gäste erzählte, was er an Carlos schätzt und was er ihm wünscht. Seiner Freundin kamen die Tränen und Carlos meinte zum Schluss, dass dies sein schönster Geburtstag gewesen sei.


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